Ein Philosoph streitet für die Moselwinzer
 
Leseprobe Wie der Wein Karl Marx zum Kommunisten machte
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Das Buch – Leseprobe

Engländer an der Mosel

England, damals ein Staat ohne nennenswerten Weinanbau, war schon immer ein wichtiger Exportmarkt. Seit dem Methuen Treaty von 1703, einem Handelsvertrag zwischen England und Portugal, profitierten davon allerdings vor allem Portwein-Erzeuger. Das Interesse der Engländer am Rhein- und Moselwein wurde im frühem 19. Jahrhundert durch englische Touristen wieder geweckt. Die ersten Besucher des Rheinlandes waren Maler und Literaten. Seit dem Ende der Kontinentalsperre im Jahre 1811 bereisten sie den Kontinent und in ihrer Folge kamen auch „echte“ Touristen. Die Rhein- und Ruinenromantik wurde besonders befeuert durch Lord Byrons Versepos ‚Childe Harold‘s Pilgrimage‘. Inspiriert durch dieses Werk kamen Rheinreisen in England in Mode. Die Mosel wurde ebenfalls schon früh Ziel der Engländer, wenn auch nicht im selben Maße wie der Rhein. 1815 bereiste die englische Romanschriftstellerin Fanny Burney von Trier aus die umgebende Landschaft. Der Erhabenheit des Rheins stellte sie das Pittoreske der Mosel gegenüber, wie nach ihr viele andere. Ähnlich war es beim Wein: Am Rheinwein schätzte man die Stärke, am Moselwein die spielerische Eleganz.
Die englischen Touristen im Gefolge der Künstler bereisten die ganze Mosel zwischen Metz und Koblenz. In Trier waren sie so präsent, dass das Hotel „Rotes Haus“, die Steipe am Hauptmarkt, die Aufschrift „Hotel Red House“ trug. Wieder zu Hause in England wollten sie natürlich ihren liebgewonnenen Moselwein nicht missen. Folgerichtig endete die Bevorzugung der portugiesischen Weine. 1825 wurden die Einfuhrzölle auf deutsche Weine drastisch gesenkt. Kurz darauf wurden größere Mengen der besten Moseljahrgänge 1818, 1819 und 1822 nach England exportiert. Rhein- und Moselweine wurden dort schnell zu Modeweinen.




Die Rheinische Zeitung in Köln

Köln war in den 1840er Jahren die größte und modernste Stadt der Rheinprovinz. Es gab ein liberales aufgeklärtes Großbürgertum, aber keine Zeitung, die dessen Interessen adäquat vertrat. Das einzige größere Blatt Kölns war die reaktionäre Kölnische Zeitung. So entstand das Bedürfnis, eine neue, demokratischen Ideen verpflichtete, Zeitung zu gründen. 1841 bildete sich ein Vorbereitungskomitee, zu dem unter anderem Georg Jung und Moses Heß gehörten. Jung hatte wie Karl Marx in Berlin bei dem Hegelschüler Eduard Gans Jura studiert und stand während der Gründungsphase der Zeitung in Kontakt mit den Berliner Junghegelianern um Marx und Bruno Bauer. Damit war die politische Richtung des Blattes vorgegeben und die Rheinische Zeitung wurde tatsächlich das bedeutendste radikale Organ Deutschlands im Vormärz.
Trotz der Verbindungen nach Berlin gestaltete sich die Suche nach einem Chefredakteur schwierig. Zuerst fragten die Herausgeber Friedrich List, den ‚Vater‘ des Deutschen Zollvereins, der aber aus gesundheitlichen Gründen ablehnte. Schließlich wurde Gustav Höfken engagiert, ein angeblicher Schüler Lists. Für ihn sprach, dass er bei der Augsburger Allgemeinen Zeitung Redaktionserfahrung gesammelt hatte. Höfken vertrat eher katholisch-liberale Positionen und so kam es sofort zu Auseinandersetzungen zwischen ihm und dem ‚junghegelianischen‘ Redakteur Heß. Die Rheinische Zeitung wurde am 1. Januar 1842 offiziell gegründet, bereits am Tag danach verließ Heß die Redaktion und kehrte erst nach Ausscheiden des Chefredakteurs zurück. Als Höfken einen Artikel Bruno Bauers ablehnte, überspannte er den Bogen endgültig. Am 18. Januar wurde er von den ‚Geranten‘, wie sich die Herausgeber der Zeitung nannten, entlassen. Das Blatt war zu der Zeit noch keine drei Wochen alt und erlebte schon erste heftige Turbulenzen.
Neuer Chefredakteur wurde Adolf Rutenberg, seit 1837 ein Freund von Karl Marx in Berlin und wie dieser Mitglied des ‚Doktorclubs‘. Die Tendenz des Blattes wurde bis zum Sommer 1842 vor allem von Rutenbergs Schwager Bruno Bauer geprägt. Im selben Jahr kamen ein neuer Oberpräsident und ein neuer Zensurminister ins Amt, so dass der Gegenwind schärfer wurde. Sie verboten die Zeitschrift nur deshalb nicht, sondern duldeten sie vorerst bis zum Ende des Jahres, weil sie hofften, dass sich das Problem ‚organisch‘ lösen würde: die Rheinische Zeitung kam nur auf 885 Abonnenten, selbst die erzkonservative Kölnische Zeitung fand acht mal so viele Käufer. Die Regierung hoffte also schlichtweg, dass die Rheinische Zeitung von allein Pleite gehen würde.
Tatsächlich stieg die Abonnenten-Zahl im dritten Quartal aber auf 1027 und im vierten sogar auf 1820. Grund dafür war, dass es mittlerweile einen „vorzüglichen Mitarbeiterstab“ gab. Zu diesen Mitarbeitern gehörte Karl Marx, der von Mai bis Oktober Beiträge über Staats- und Rechtsprobleme schrieb. Ausgangspunkt dieser Artikel waren vier Debatten des 6. Rheinischen Provinziallandtags über Pressefreiheit, den Kölner Kirchenstreit, das Holzdiebstahlsgesetz und die Bodenparzellierung.
Marx‘ Kollegen waren unter anderem Karl Ludwig Bernays, Karl Grün sowie die Junghegelianer Max Stirner, Karl-Friedrich Köppen und Friedrich Engels. Dieser arbeitete von April bis August 1842 für die Rheinische Zeitung. Bernays wurde später Mitarbeiter der Deutsch-Französischen Jahrbücher und des Vorwärts in Paris, Grün Chefredakteur der Trier‘schen Zeitung.
Neben politischen Artikeln gab es auch Lyrik, zum Beispiel von Georg Herwegh und August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, dem Schöpfer der deutschen Nationalhymne.